Das Kriegsende in Spangenberg

Den Einmarsch der Amerikaner vor 60 Jahren erlebte Dr. Ehrhart Appell als 11-jähriger Junge.

"Wenn ich über die Zeit berichten soll, sind mir einige Erlebnisse noch besonders in Erinnerung geblieben. Als das Kriegsende im Kreisteil Melsungen nahte, war ich war ich bereits ein Jahr im "Jungvolk" und hatte die übliche paramilitärische Ausbildung erfahren: Exerzieren auf dem Schulhof mit den gängigen Befehlen "angetreten, Augen rechts, richt' Euch, abzählen, Augen geradeaus, rechts schwenk marsch, im Laufschritt marsch, marsch, ein Lied! (z. B. ‚Es zittern die morschen Knochen' - von uns abgewandelt in ‚Es zittern in Morschen die Knochen')".

Bei Geländespielen mussten wir die hinter aufgetürmten Ästen imitierte "Festung" eines anderen Jungzuges "erobern" - Nahkampf mit Knüppeln usw. Die "Hitler-Jungen" sollten ja "hart wie Kruppstahl" und "flink wie Windhunde" erzogen werden.

Mit dem Fahrtenmesser auf Suche nach anglo-amerikanischen Fliegern

Kurze Zeit vor dem Einmarsch der Amerikaner war ein viermotoriger anglo-amerikanischer Bomber abgeschossen worden und in den Wäldern nördlich von Mörshausen abgestürzt. Es wurde berichtet, es seien noch Flieger mit dem Fallschirm abgesprungen, die nun gesucht und gefangen genommen werden sollten. Und so wurden wir Jungvolk-Jungen, mit Fahrtenmessern ausgestattet, in die Wälder geschickt, bildeten Schützenketten und suchten nach den angeblich abgesprungenen Soldaten.

Einige Soldaten konnten offenbar erst sehr spät abspringen, so dass sich der Fallschirm gar nicht mehr geöffnet hatte und sie nun tot oben in den Bäumen an den Leinen ihrer Fallschirme hingen. Die anderen Besatzungsmitglieder waren in dem Flugzeug, das beim Aufschlag Feuer gefangen hatte, verbrannt, in der Glut geschrumpft, verkohlt und schrecklich anzusehen.

Die Amerikaner und Engländer hatten ja schon seit langem die absolute Lufthoheit. Und so konnten wir einen Luftkampf mit ansehen. Ein deutsches Jagdflugzeug - Me 109 - hatte sich gleichwohl in die Luft gewagt und war sofort von anglo-amerikanischen Flugzeugen angegriffen worden. Der deutsche Pilot vollbrachte noch eine Notlandung auf einer Wiese im Dörnbach und flüchtete aus der Maschine in den nahen Wald, was ihm auch gelang, obwohl er von den feindlichen Flugzeugen noch mit Bordwaffen beschossen wurde.

Nazi-Hektik zum Kriegsende

Einige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner wurde mir befohlen, einen Stellungsbefehl für den "Volkssturm" dem späteren Landrat Karl Waldmann zu überbringen, der mit seiner jüdischen Frau und Enkelkindern in einem Jagdhaus bei Kaltenbach wohnte. Offenbar war ich dazu ausgewählt worden, weil ich - was damals eine Seltenheit war - ein Fahrrad mein eigen nennen konnte. Ich habe Herrn Waldmann dann aber nicht angetroffen.

Zu dieser Zeit wurden auch einige als Kommunisten und Sozialdemokraten bekannte Mitbürger in Haft genommen, aber nach einigen Tagen wieder freigelassen. Was sie - wohl in einem Konzentrationslager - mussten, haben wir nie erfahren.

Während des Krieges befand sich im Schloss und im so genannten Kreisgut in Elbersdorf ein Gefangenenlager für britische Offiziere. Sie erhielten regelmäßig Pakete aus England - wohl über das Rote Kreuz, und ich erinnere mich daran, dass wir Kinder im Winter - vom Schlossberg herunter - Offiziere auf unseren Rodelschlitten mitnahmen und von ihnen Schokolade und Bonbons bekamen. Als letzter fuhr dann der deutsche Wachsoldat - mit seinem Karabiner - mit uns ins Tal.

Diese Kriegsgefangenen wurden dann - wohl am Gründonnerstag - nach Osten in Marsch gesetzt. Für nicht gehfähige und das persönliche Gepäck mussten Landwirte Pferdefuhrwerke zur Verfügung stellen.

In Jabo-Angriff geraten

Am Ostersamstag sahen wir, dass amerikanische Jabos (Jagdbomber) deutsche Militärlastwagen auf der Straße von Melsungen, nahe vor dem Ortseingang Spangenberg in Brand schossen. Zumindest ein LKW stand in hellen Flammen. Er hatte Benzinkanister geladen, von denen einer nach dem anderen explodierte, wobei sich jeweils riesige Feuer- und Rauchpilze am Himmel bildeten.

Neugierig, wie ich war, schwang ich mich auf mein Fahrrad und fuhr los. Plötzlich tauchten wieder Jabos auf, und ich ging gegenüber der Tankstelle Hoppach (heute Mücke) am Böschungsufer der Pfieffe in Deckung. In der Neustadtstraße auf Höhe der Häuser Siebert, Blumenstein, Sonntag standen deutsche Schützenpanzerwagen, die sofort von den Jabos mit Bomben und Bordwaffen angegriffen wurden. Dabei hatte ich das Gefühl, die Bomben würden genau auf mich zusegeln.

Als die Flugzeuge ihre Bomben abgeworfen hatten, entdeckten sie dann noch auf der Scholle (Siedlung "Eigene Scholle" - heute Heinrich-Stein-Siedlung) - ganz in meiner Nähe - ein deutsches Infanteriegeschütz, das sofort mit Bordwaffen beschossen wurde. Die Kugeln pfiffen auch um mich herum. Ich hatte natürlich furchtbare Angst. Später wurde mir dann von einem Landser erklärt, dass, wenn die Kugeln pfeifen, die Gefahr vorüber sei. Ich registrierte dann noch, dass auf dem Teichwiesengelände gegenüber ein deutscher Offizier mit einer Pistole auf die Jagdbomber schoss, was natürlich ohne jede Wirkung bleiben musste.

Nachdem die Jabos abgedreht hatten, verließ ich meine Deckung und sah, dass in der Neustadt, wo auch mein Elternhaus stand, großes Chaos herrschte. Einige Häuser waren vollkommen zerstört, Balken, Ziegel und Backsteine lagen kreuz und quer auf der Straße herum, und es brannte dort. Ein Durchkommen zu meinem Elternhaus schien unmöglich. Und so musste ich am Schlossberg entlang durch den Garten von hinten unser Haus erreichen, was Gott sei Dank nicht zerstört war.

Einmarsch der Amerikaner

Melsungen war wohl am Ostersamstag schon eingenommen worden, die amerikanischen Spitzenverbände näherten sich der Stadt Spangenberg, und meine Mutter begab sich mit uns drei Kindern sowie einigen Nachbarn in den noch unter der Backstube liegenden Keller der Bäckerei Kerste. Von dort hörten wir dann Einschläge, MG- und Gewehrfeuer. Natürlich hatten wir alle große Angst.

Irgendwann wurde es ruhig, und plötzlich kamen einige amerikanische Soldaten mit Gewehr im Anschlag in den Kellereingang, darunter auch schwarze, was unsere Angst noch verstärkte, hatten wir doch noch nie Farbige gesehen. Die Soldaten stellten dann aber fest, dass sich in dem Keller nur Frauen und Kinder befanden und zogen wieder ab.

Plötzlich waren unsere Mutter und der Bäckermeister Kerste verschwunden. Sie hatten gesehen, dass es in unserem Haus brannte, sich über die Straße durch die Panzer und Soldaten einen Weg in unser Haus gebahnt. Dort warfen sie Bettwäsche, die durch Leuchtspurmunition in Brand geraten war und stark qualmte, kurzerhand aus dem Schlafzimmerfenster. Als wir aus dem Haus Kerste heraustraten, sahen wir, dass der Dachstuhl unseres Nachbarhauses lichterloh brannte und das Schloss in hellen Flammen stand.

Da sich in unserem Haus die damalige Vereinsbank befand, wurde es von den Amerikanern nicht bezogen, sondern mit Schildern "Off limits to all troops" - "Betreten für alle Truppen verboten" - versehen.

Wir Kinder gewöhnten uns relativ schnell an die Besatzung, zumal sich die amerikanischen Soldaten sehr kinderfreundlich zeigten, uns Bonbons und Kaugummis schenkten und uns in ihren Jeeps mitfahren ließen.

An einigen Stellen in der Gemarkung standen noch zerschossene deutsche Schützenpanzer und Militärfahrzeuge herum, an denen wir uns zu schaffen machten und nach Brauchbarem suchten. Am Güterbahnhof lagen die Trümmer abgeschossener Flugzeuge. Auch diese wurden von uns durchsucht, wobei wir uns merkwürdigerweise vor allem für das Plexiglas aus den Flugzeugkanzeln interessierten. Wenn man ein Streichholz daran hielt, geriet es schnell in Brand, entwickelte starken Rauch, roch süßlich und nahm seltsame Formen an.

Spangenberger Jäger und Schützen mussten ihre Gewehre abgeben. Die Gewehrkolben wurden zerschlagen und die Flintenläufe irgendwo hingelegt, wo wir sie einfach wegnehmen konnten. Ich erinnere mich, dass einige Freunde und ich die demolierten Waffen in einem Koffer an den amerikanischen Soldaten vorbei zu ehemaligen polnischen Fremdarbeitern brachten.

Weinhandel mit den Amerikanern

Überhaupt blühte ja der Schwarzhandel, und jeder versuchte, etwas für sich zu organisieren. Ich verlegte mich damals auf den Weinhandel mit den Amerikanern: Meine Großeltern Siebert hatten am Obertor eine Mosterei, und dort befand sich noch ein Ballon mit 20 bis 25 Litern Apfelwein. Diesen holten mein Freund Karl August Meurer (bis vor einigen Jahren als Prof. Dr. med. K. A. Meurer Chefarzt der Inneren Abteilung der Melsunger Klinik) und ich auf dem Handwagen in die Neustadt. Seine Eltern betrieben einen sogenannten "Kolonialwarenladen", der vor dem Krieg Wein in Fässern zum Abfüllen auf Flaschen bezogen hatte.

Wie es der Zufall so wollte, fanden wir in Meurers Weinkeller ein Korkstopfengerät und ein Sortiment alter Weinetiketten. Wir füllten unseren Apfelwein also in Flaschen ab, verkorkten diese und versahen sie mit Etiketten wie "Liebfrauenmilch", "Niersteiner Gutes Domtal", "Zeller Schwarze Katz" und "Kröver Nacktarsch", alles Namen der damals gängigen Weine. Die amerikanischen Soldaten waren ja scharf auf Alkoholitäten und kannten sich mit den deutschen Weinen nicht sonderlich aus. So konnten wir dann den Apfelwein als Rhein- oder Moselwein in den Quartieren gut absetzen und erhielten dafür Kaugummi, Schokolade, Nescafé, Palmolive-Seife und Zigaretten (als Vorrat für unsere damals noch in Gefangenschaft befindlichen Väter).

Gefährliche Spiele

Ein nicht ganz ungefährliches Lausbubenstück, das aber ernste Folgen hätte haben können, will ich noch schildern. In einem Gras- und Obstgarten am Schafhof waren deutsche Munitionsvorräte zusammengetragen worden, die von einem Hilfspolizisten bewacht werden sollten. Nun hatten wir ja bei unserer paramilitärischen Ausbildung im Jungvolk gelernt, uns unauffällig im Gelände zu bewegen und jede Deckung beim Anschleichen auszunutzen. So holten wir uns dann kleine Säckchen mit Pulver, das wohl für Granatwerfermunition bestimmt war. In der Schafgasse war ein Haufen Bausand. Wir bauten daraus eine - innen hohle - Burg, füllten diese mit Pulver und legten eine Zündschnur nach außen. Als von weitem ein amerikanischer Konvoi sichtbar wurde, steckten wir die Zündschnur an und waren sehr schnell und unauffindbar am Schlossberg verschwunden. Der Sandhaufen ist dann explodiert, als die Amerikaner sich näherten, und hat sicher - gelinde gesagt - zu Irritationen geführt.

Schwierige Lebensverhältnisse

Anzumerken sei noch, dass damals auch in Spangenberg große Wohnungsnot herrschte. Vielen Evakuierten aus dem zerbombten Kassel waren Zimmer zugewiesen worden, die Familien, deren Häuser in den letzten Kriegstagen in Spangenberg zerbombt oder ausgebrannt worden waren, benötigten Wohnraum, und später mussten dann die Flüchtlinge und Vertriebenen untergebracht werden. Unsere Wohnung mit damals etwa 90 qm beherbergte zeitweise 15 Personen.

Bereits vor dem Einmarsch der Amerikaner waren ständig Flüchtlinge aus dem Osten durch Spangenberg gezogen. Einige Zeit später setzte dann ein neuer Flüchtlingsstrom ein - wohl überwiegend Menschen, die aus Thüringen kamen und vor den Russen fliehen wollten. Die Amerikaner hatten ja zunächst Thüringen besetzt und dann mit den Russen gegen das von diesen besetzte Westberlin ausgetauscht. Wenige Flüchtlinge kamen mit Fuhrwerken, die meisten mit Hand- oder Kinderwagen, in denen sie ihre geringe Habe mitführten. Da unser Hof direkt an der Durchgangsstraße von Hessisch-Lichtenau nach Melsungen lag, machten viele von ihnen bei uns Rast. Sie wurden von unseren Müttern mit Wasser und etwas Essbarem, mit Kinderkleidung usw. - soweit uns dies möglich war - versorgt.

Natürlich waren die Schulen geschlossen. Einige Lehrer gaben Privatunterricht, und ich erinnere mich daran, dass dies zeitweise in einem Raum der alten Elbersdörfer Volksschule geschah. Und neben dem Schulgeld hatten wir Brennholz mitzubringen, damit es einigermaßen warm wurde.

Wir 10- und 11-jährigen Kinder fanden das Kriegsende voller Erlebnisse und Abenteuer und sind in Spangenberg ja auch glimpflich davongekommen - vor allem auch im Vergleich mit Gleichaltrigen, die zum Beispiel aus Ostpreußen flüchten mussten oder aus dem Sudetenland vertrieben worden waren, und von deren schweren Schicksalen wir erst nach und nach erfuhren."

Dr. Ehrhart Appell

Melsungen, 3. März 2005