Am 06. April 1989 brachte die "Hessische Niedersächsische Allgemeine - Melsunger Allgemeine" unter der Schlagzeile

"Entdeckung auf dem Hinterhof: Alles deutet auf Synagoge hin"

die Meldung, dass das Hinterhaus des Hauses Fritzlarer Straße 3 vermutlich die Vorgängersynagoge der Synagoge in der Rotenburger Straße - Ecke Tränkelücke sei. Die Meldung wurde mit einem Foto bekräftigt, auf dem das Gebäude mit rundbogigen Fenstern zu sehen war. Diese Fenster gehörten nach der Einschätzung von Frau Finis-Sauer, Mitarbeiterin des Bauamtes der Stadt Melsungen, zu einer Synagoge.

Dieter Hoppe, der 2. Vorsitzende des Geschichtsvereins Melsungen, forscht seit einiger Zeit über die Geschichte der jüdischen Bürger Melsungens. Im Zuge seiner Forschungen stieß er auf den alten Zeitungsartikel aus dem Jahre 1989. Am 13. Januar 2005 besichtigten Herr Hoppe und ich gemeinsam mit den Eigentümern Herr Wilfried Eberling und Frau Ingeborg Steibel, geb. Eberling, das fragliche Gebäude im Hof des Hauses Fritzlarer Straße 3.

Ergebnis der Besichtigung

Wir fanden ein einfaches Fachwerkgebäude vor. Die Balken waren augenscheinlich aus Fichtenholz, die Gefache waren mit gebrannten Ziegelsteinen ausgemauert. Die rundbogigen Fenster sind, da sie defekt waren, inzwischen ersetzt worden. Im Innern konnten keine Spuren gefunden werden, die eine Vermutung auf eine Nutzung als Synagoge rechtfertigten.

Einschätzung:
Meines Erachtens muss ein Gebäude, welches der Vorläufer der Synagoge in der Rotenburger Straße sein soll, älter als dieses Gebäude sein und der Eigentümer des Baugrundstücks muss jüdischen Glaubens gewesen sein. Das Gebäude, welches wir vorfanden, war augenscheinlich jünger. Es war in einem Baustil erbaut, wie ich ihn von zahlreichen Wirtschaftsgebäuden vom Ende des 19. Jahrhunderts kenne.

Meine Recherche zum Gebäude sog. "Alten Synagoge"

Eigentümer des Grundstücks:
In meiner Datenbank über Einwohner Melsungens im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts fand ich folgende Eigentümer zum Haus Fritzlarer Straße 3, ehemals Hs. Nr. 85.
1843 (1), 1846 (2) u. 1881 (3) - Georg Wilhelm Grau, Apotheker
1902 (4) - Wilhelm Müller, Kaufmann
1903 (4) u. 1939 (5) - Bernhard Speier, Kaufmann (Holzhändler)

Gebäudebestand auf dem Grundstück:
Um den Zeitpunkt des Baus des Gebäudes festzustellen recherchierte ich in den Akten des Amtes für Bodenmanagement - ehemals Katasteramt Melsungen.
Im Stückvermessungsriss von 1843 (1) (gemessen durch den Landmesser Gegel) fand ich im hinteren Bereich des Grundstücks Fritzlarer Straße 3 einen, vom heutigen Gebäudebestand völlig unterschiedlichen Bestand.
Im Fortführungsriss von 1881 (3) (gemessen durch den Kataster - Controleur Degenhard) wurde der noch heute vorhandene Gebäudebestand aufgemessen. Dieser Fortführungsriss weist die Veränderungen nach, welche durch den großen Brand vom 9. November 1872 und dem danach folgenden Wiederaufbau verursacht wurden.

Schlussfolgerung:
Das Gebäude, welches im o. a. Zeitungsartikel als "Alte Synagoge" bezeichnet wird, wurde zwischen 1872 und 1881 vom damaligen Eigentümer, dem Apotheker Georg Wilhelm Grau, errichtet. Grau war augenscheinlich nicht jüdischen Glaubens. Erbaut wurde es vermutlich als Wirtschaftsgebäude mit oben liegenden Wohnräumen für Dienstboten. Das obere Stockwerk dieses Gebäudes ist durch eine Brücke mit dem Hauptgebäude verbunden. Die Brücke führt in das erste Stockwerk des Haupthauses zu den dort liegenden Wohnräumen. Nach Angaben von Herrn Eberling wurden diese Räume noch bis in die 1950er Jahre als Wohnung genutzt. Diese Tatsache erklärt die farbigen Anstriche, die Frau Finis-Sauer als Hinweis auf die Nutzung als Synagoge definierte.

Die Fenster, welche erst zur Einschätzung des Gebäudes als Synagoge führten, stammen vermutlich von einem bei dem Brand zerstörten Gebäude. Sie wurden dort ausgebaut und in dem Wirtschaftsgebäude eingebaut. Diese Fenster könnten nach Stil und Ausführung von einer Synagoge stammen (Einschätzung Herr Hoppe)(6). Ebenso könnten die Fenster auch von einem Gebäude stammen, das nach dem Vorbild des "Alten Kasinos" im klassizistischen Stil erbaut bzw. umgebaut worden war. Da das Gebäude beim Brand vom 9. November 1872 zerstört wurde, dürfte es wohl kaum noch zu identifizieren sein.


Herr Fred Speier (7), Sohn von Bernhard Speier, konnte sich in Gesprächen sowohl mit Herrn Eberling, als auch mit Herrn Hoppe nicht daran erinnern, dass sich in dem untersuchten Gebäude eine Synagoge befand. Gegenüber Herrn Eberling äußerte er, dass sich schon immer ein Holzlager seines Vaters (Holzhändler Bernhard Speier) in dem Gebäude befand. Wenn die Familie Speier in diesem Gebäude einen Raum für gottesdienstliche Zwecke, eine Privatsynagoge, eingerichtet hätte, wäre dies sicherlich in der kurzen Zeit - seit 1903 war die Familie Speier Eigentümer des Hauses - in der Familienüberlieferung bekannt geblieben. Fred Speier wurde 13jährig am 04. Mai 1936 von seinem Vater in die USA in Sicherheit geschickt. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass der Holzhändler Speier ein Gebäude, welches er selbst für religiöse Zwecke eingerichtet hatte, für die profanen Zwecke eines Holzlagers umgewidmet hätte.

Aus all diesen Gründen komme ich zu dem Schluss, dass die so genannte "Alte Synagoge" niemals eine Synagoge war.
Aus den Berufen und Funktionen von jüdischen Bürgern Melsungens ergibt sich jedoch eindeutig, dass es eine Vorgängersynagoge gegeben haben muss. Das Problem, wo diese Synagoge gestanden hat, ist nach wie vor ungeklärt.

Melsungen, im Januar 2005

Kurt Maurer



Ergänzung zu Kurt Maurer
War die "Alte Synagoge" eine Synagoge?

Die Auffassung von Frau Finis-Sauer, das Hinterhaus von Fritzlarer Strasse Nr. 3 sei womöglich eine Synagoge gewesen, hat sich also als haltlos erwiesen. Andererseits zeigt die Auswertung des Belegungsverzeichnisses des alten jüdischen Friedhofs in Binsförth:
. Es hat vor 1841 eine starke jüdische Gemeinde in Melsungen gegeben.
. Die Funktionen, die die dort bestatteten Melsunger jüdischen Bürger einmal ausgeübt hatten, beweisen uns, dass die Melsunger jüdische Gemeinde eine über Melsungen hinausgehende Bedeutung besaß.
. Dafür war die Ausübung des jüdischen Gottesdienstes in Melsungen notwendig. Ob aber schon eine Synagoge zur Verfügung stand oder der Gottesdienst in einem Privathaus gefeiert wurde, kann so nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden.

Eine erste Sichtung des Materials im Hessischen Staatsarchiv Marburg ermöglichte erste Antworten.
. Es gab eine Vorgängersynagoge. Sie wurde spätestens 1837 abgerissen, also vier Jahre vor dem als Baujahr angesehenen Datum der ehemaligen Melsunger Synagoge (1841).
. Diese Synagoge war so klein, dass das Inventar z. T. sehr unsachgemäß auf einem Heuboden aufbewahrt werden musste. Dazu gehörte auch ein wertvoller Kronleuchter.
. Diese abgerissene Synagoge stand im Bereich hinter der Fritzlarer Strasse. Die "Baupolizei" lehnte dort einen Neubau ab, weil das Gelände in unzulässiger Weise schon viel zu eng bebaut sei. Die Berechtigung dieses Einwandes zeigten die Grossbrände von 1872 und 1874.
. Ganz allgemein wurde eine Stadterweiterung entlang der Rotenburger Strasse vorgeschlagen. Die neue Synagoge war damit in die Vorreiterrolle zur Bebauung dieser Strasse gekommen.
. (Nebenher ergab sich: Die Röhrenfurther Synagoge wurde wohl 1829 errichtet (Letzte Eintragung). Die Röhrenfurther erwähnen in ihrem Bauantrag, der Weg zur Melsunger Synagoge sei zu weit.)

Damit hat sich die Frage nach der Herkunft der Fenster im Hinterhaus zur Fritzlarer Strasse, die erst die Annahme der Existenz einer ehemaligen Synagoge begründeten, eingeengt. Sie können unmöglich aus einem ehemaligen Synagogengebäude in Melsungen stammen. Dann bleibt nur ein klassizistisches Gebäude übrig, von dem wir bislang aber (noch ?) nichts wissen.

Melsungen, den 1. Februar 2005

Dieter Hoppe